Was ist Stress?

Das Wort „Stress" ist heute jedem Kind geläufig. Dennoch ist dieser so bekannte Begriff erst seit einigen Jahrzehnten im Gebrauch. Etwa seit den sechziger Jahren tauchte er bei uns immer häufiger in der Presse auf, zu einer Zeit also, als die Zahl der Herz- und Kreislaufkranken und der Todesfälle infolge von Herzinfarkten deutlich im Ansteigen begriffen war. Zunächst wurde vielfach von „Managerkrankheit" gesprochen, denn man glaubte, dass die schlimmen Folgen des Stresses vor allem in der Gruppe der sogenannten leitenden Angestellten, der Manager, die an der vordersten Front der modernen Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft stehen, zu suchen seien. Doch bald fanden sich auch Stresssymptome in nahezu allen Kreisen der Bevölkerung, nicht nur bei Berufstätigen, sondern auch bei den ebenso belasteten Hausfrauen und Schülern.

Man sprach von Stress, wenn sich Menschen Anforderungen gegenübersahen, die sie nicht mehr ohne Überforderung und ohne Ausnutzung letzter Kraftreserven bewältigen konnten. Hausfrauen fühlten sich gestresst, wenn in der Weihnachtszeit die Weihnachtsbäckerei, die Besorgung der Geschenke, Essensplanungen und andere Tätigkeiten zu erledigen waren, die sie in der Kürze der verbleibenden Zeit kaum schaffen konnten. Schüler fühlten sich gestresst, wenn Prüfungsarbeiten sich zu bestimmten Zeiten häuften. Autofahrer wurden im Berufsverkehr, in den „Stoßzeiten" gestresst. Termindruck, Angst vor Arbeitslosigkeit, die Sorge um das Fortkommen, die Schwierigkeiten bei vielen gleichzeitig zu bewältigenden Arbeiten verschaffen vielen Berufstätigen ihren Dauerstress.

Die genannten Beispiele bezeichnen schon recht genau, worum es bei dem Phänomen Stress vor allem geht. Die Bezeichnung Stress kommt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich übersetzt soviel wie Belastung, Druck, Anspannung.

Aus der Erkenntnis, dass auch der moderne Mensch Belastungen unterliegt, unter denen er zusammenzubrechen droht, hat 1950 der Mediziner Hans Selye den Ausdruck „Stress" auch in die Biologie und Medizin eingeführt. Er wollte damit darauf aufmerksam machen, dass der Mensch heute einem dauernden Zivilisationsstress unterliegt, der aus einer Vielzahl von optischen und akustischen Reizen, aus Zeit- und Leistungsdruck, aus Angst vor Isolation und Nicht-genügen-Können besteht, die alle stress- und krankheitsauslösend sein können.

Trotzdem ist Stress keine Zivilisationserscheinung, sondern gehört zu den Grundbedingungen menschlicher Existenz auf Erden. Schon seit Beginn des Daseins sind Menschen und höhere Tierarten ständigen Bedrohungen und Angriffen durch ihre natürlichen Feinde und zum Teil durch ihre Artgenossen ausgesetzt, auf die sie mit Stresserscheinungen reagieren. Jeder Angriff löst einen eingebauten biologischen Verteidigungsmechanismus aus. Mensch und Tier können dann in Sekundenschnelle alle Energiereserven mobilisieren, um sich auf Flucht oder Angriff einzustellen. Dieser Vorgang verläuft auch beim Menschen gewissermaßen automatisch, reflexartig, denn jedes Denken und Abwägen könnte im Moment höchster Gefahr Zeitvergeudung bedeuten und die Chancen zu überleben herabsetzen.

In der Frühzeit des Menschen waren solche stressauslösenden Faktoren relativ selten. Vor allem folgten auf die Alarmsituationen in der Regel längere Erholungs- und Entspannungsphasen, die dafür sorgten, dass der körperliche Normalzustand wiederhergestellt werden konnte. Auch die Tatsache, dass die mobilisierten Energiereserven in jenen Zeiten tatsächlich in körperliche Bewegung, etwa bei der Flucht, umgesetzt wurden, trug dazu bei, dass diese auch verbraucht und nicht im Körper krankheitsfördernd abgeleitet wurden.

Anders verhält es sich dagegen mit dem „Zivilisationsstress" unserer Tage. Die Stressreize, auch Stressoren genannt, prasseln nahezu unablässig auf die Menschen von heute ein. Sie haben an Stärke, Zahl und Dauer so zugenommen, dass die Gesundheit des menschlichen Organismus durch sie in hohem Grade bedroht ist. Denken Sie dabei nur an die Reizüberflutung des heutigen Großstadtlebens, den ständigen Zeit- und Leistungsdruck, die vielfältigen familiären und beruflichen Konfliktsituationen, die wirtschaftliche Unsicherheit, die Ängste vor schwerwiegenden Krankheiten, vor Umweltzerstörung und Krieg. Dabei sind es vor allem die kleinen unterschwelligen Stressreize, welche oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden, die Tag für Tag an unserer Gesundheit nagen.

Um die verheerenden Auswirkungen übermäßigen Stresses zu begreifen, müssen wir einen kleinen Ausflug in die Biologie und Medizin unternehmen: Was läuft im Körper ab, wenn Stressreize auf ihn einwirken?

Beim Auftreten eines Stressreizes wird über bestimmte Gehirnbahnen das sogenannte vegetative Nervensystem aktiviert, vor allem der Sympathikus-Nerv sowie die Hirnanhangdrüse, die Hypophyse. Diese veranlasst die Produktion verschiedener Hormone, die sich binnen kürzester Zeit im ganzen Körper verteilen. Dadurch wird der Herzschlag deutlich beschleunigt. Wir alle kennen das „Herzklopfen" bei Gefahr. Der Puls wird verstärkt, die Muskeln werden stärker durchblutet, damit so wirkungsvolle Flucht oder ein Angriff bewerkstelligt werden können.

Alle Körpervorgänge dagegen, die im Augenblick einer unmittelbaren Gefahr nicht vonnöten sind, werden gedrosselt. So werden z.B. die Eingeweide und die Haut schlechter durchblutet, was wir beobachten können, wenn jemand vor Angst blass wird. Der Hunger wird ebenso reduziert wie der Sexualtrieb. Während nun im Tierreich (oder früher bei den Steinzeitmenschen) in oder nach der Gefahrensituation eine körperliche aktive Handlung erfolgte, also Flucht oder Angriff, verharren die Menschen heute bei ähnlichen Stresssituationen meist in relativer Bewegungslosigkeit. Gerade darin aber besteht die krankmachende Wirkung des Stresses. Während die Bewegung nämlich hilft, die zur Bewältigung der Stresssituation eigens produzierten Stoffe wieder abzubauen, werden beim Ausbleiben der Bewegung diese Stoffe im Körper abgelagert.

Das aber ist für unseren Organismus schädlich. Und so hat der Stress heute anstelle seiner ursprünglichen lebensrettenden Wirkung leider krankmachende Folgen. Was früher ein Mittel der Selbsterhaltung war, ist in Zeiten fortgeschrittener Zivilisation zu einem Instrument der Selbstzerstörung geworden.

Das Vorhandensein von Stress wird übrigens gar nicht immer wahrgenommen, auch wenn er schon mit technischen Apparaturen messbar ist. So konnte der schwedische Stressforscher Theorell zeigen, dass das EKG bei Patienten schon deutliche Unregelmäßigkeiten aufwies, wenn sie nur an unangenehme Situationen erinnert wurden. Messungen haben ergeben, dass die Milchsäure im Körper anstieg, ebenso die Blutfettwerte, der Blutzucker und die Zahl der Gerinnungsfaktoren im Blut. Ursprünglich hatte dies vor allem einmal den Sinn, in Gefahrensituationen Kraftreserven bereitzustellen und bei eventuellen Verletzungen eine schnellere Wundheilung zu bewirken. Heute können uns die Reaktionen statt dessen einen Herzinfarkt bescheren.

Der „gute" und der „böse" Stress

Die eben skizzierten Beobachtungen zeigen uns auch, dass wir auf keinen Fall, wie dies im täglichen Sprachgebrauch oft geschieht, „Stress" einfach mit „Anstrengung" gleichsetzen dürfen. Die Mobilisierung unserer Körperkraft zu großen körperlichen Leistungen ist nicht mit krankmachendem Stress verbunden, wenn die mobilisierte Energie gleich wieder abgebaut werden kann und wenn die Anstrengungen nicht mit angstauslösenden, bedrohenden und konfliktträchtigen Erlebnissen verbunden sind. Um besser zwischen schädlichen und unschädlichen Stressformen unterscheiden zu können, bezeichnen die Wissenschaftler heute den gesundheitsschädigenden Stress als „Dis-Stress", den unschädlichen oder gar nützlichen Stress als „Eu-Stress" (vom Griechischen „eu" = schön, gut).